Besorgt um afghanische Christen

Christenverfolgung im Namen des Islam

„Ein todeswürdiges Verbrechen”

Nachdem die Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul eingenommen haben, sind besonders konvertierte Christen in Gefahr. Sie dürfen nicht abgeschoben werden, appelliert die christliche Hilfsorganisation Open Doors an das Auswärtige Amt.

DR: Open Doors untersucht regelmäßig die Verfolgung von Christen weltweit. Im Weltverfolgungsindex 2021 liegt Afghanistan direkt hinter Nordkorea auf Platz 2 beim Negativ-Ranking, schon vor dem Siegeszug der Taliban. Was kann denn da jetzt überhaupt noch schlechter werden?

Markus Rode (Leiter der christlichen Hilfsorganisation Open Doors): Ich glaube, es kann tatsächlich noch schlechter werden, obwohl sich das kaum in Worte fassen lässt. Wenn wir auf den Anteil der Christen an der Gesamtbevölkerung schauen, sind von 38 Millionen Menschen in Afghanistan nur einige Tausend Christen; diese Christen sind Konvertiten aus dem Islam – und das in einem sehr engmaschigen System.

Denn in Afghanistan gibt es kein Nationalbewusstsein in unserem Sinne. Die Menschen sagen nicht “Wir sind Afghanen, wir sind stolz auf diesen Hintergrund”. Sondern sie identifizieren sich zuerst mit der Familie, dann mit dem Clan und dann mit dem Stamm; das heißt, es gibt ein Familien-, ein Clan- und ein Stammesbewusstsein. Wenn dann ein Afghane tatsächlich vom Islam zum christlichen Glauben konvertiert, ist er innerhalb der Familie sofort in der engmaschigsten Überwachung.

Die Familie aber will ihre Ehre wieder herstellen, was wiederum bedeutet, dass diese Konvertiten in der Regel getötet werden. Und wenn die Taliban jetzt alle Großstädte und auch die Hauptstadt Kabul eingenommen haben, dann werden sie ihr islamistisches System sogar noch engmaschiger spannen. Das sehen wir zum Beispiel auch am neuen Anführer der Taliban, Achundsada, einem islamistischen Prediger. Es wird also extrem schwierig und es kann kaum noch schwieriger werden.

DR: Wir nehmen die Taliban oft als Block wahr, als eine homogene Gruppe radikaler Islamisten. Ist das tatsächlich so?

Rode: Nein, das ergibt sich allein schon aus diesem Familien-, Stammes- und Clan-Bewusstsein heraus, dass es auch verschiedene Clan-Oberhäupter gibt und damit interne Machtkämpfe. Die hat es auch früher schon gegeben. Aber eins haben sie alle gemeinsam: Sie sind zwar eine heterogene Gruppe, aber sie alle wollen einen Islam nach dem Vorbild des Propheten umsetzen.

Und das ist doch genau das, was die Christen zu befürchten haben. Uns bereitet schon seit langem Sorge, dass die Bundesrepublik immer noch konvertierte Christen nach Afghanistan abgeschoben hat. Das war und ist für uns ein absolutes No-Go. Und jetzt müssen wir uns natürlich fragen: Was geschieht mit denen, die abgeschoben wurden? Werden sie auch zurück geholt? Wie helfen wir denen?

DR: Was ist in diesem Zusammenhang Ihre Botschaft an die Bundesregierung?

Rode: Unsere Botschaft ist und bleibt, niemals Konvertite in islamistische Länder wie jetzt Afghanistan oder beispielsweise den Iran abzuschieben. Denn dort gilt der Abfall vom Islam als todeswürdiges Verbrechen. Leider hat das Auswärtige Amt unsere Appelle bisher nie für bare Münze genommen.

Jetzt werden sie dort aufmerksam, jetzt werden sie hektisch, weil sie natürlich in einer besonderen Verantwortung stehen. Ich wiederhole also unsere Botschaft ans Auswärtige Amt: Übernehmen Sie Verantwortung. Nehmen Sie die Informationen, die wir Ihnen über unseren Weltverfolgungsindex geben ernst und schieben Sie keine Menschen in solche Länder ab. Christen werden dort massiv verfolgt.

DR: “Unsere Mission ist gescheitert. Afghanistan ist verloren!” Solche Stimmen haben wir jetzt von verschiedenster Seite gehört. Wie sehen Sie das durch die Brille derer, die die weltweite Christenverfolgung anprangern?

Rode: Für uns ist die Gesamtsituation nicht so überraschend, auch der Vormarsch der Taliban nicht. Wir wissen ja, dass es letztlich nicht möglich ist, ein islamistisches Land in einigen Jahren in ein demokratisches Land umzuwandeln. Die Verfolgung von Christen wird weiter zunehmen. Das sehen wir jedes Jahr im Weltverfolgungsindex, weil der christliche Glaube eben auf Freiheit basiert, während der Islam – oder in anderen Bereichen der Welt die jeweilige Mehrheitsreligion – in der Regel keine Religionsfreiheit zulassen.

Insofern beobachten wir eine Eskalation der weltweiten Verfolgung von Christen. Aber dennoch –  und das ist die gute Nachricht – kommen immer mehr Menschen zum Glauben an Jesus Christus und erkennen ihn als Retter. Und das ist das, was wir unterstützen wollen und wofür wir auch im Gebet bitten.

Das Interview führte C. Döpp.

Quelle: DR Bild: CFM.SCJ Archiv Alexandria

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