„Traditionis custodes ist ein echtes Unglück“

Erzbischof Hector Aguer übt harte Kritik an Papst Franziskus wegen Traditionis custodes.

Erzbischof Aguer: „Traditionis custodes ist ein echtes Unglück, das Priester und Gläubige zum Ungehorsam zwingt“

Santa Marta ist der Ort des „offiziellen Progressismus“

Msgr. Héctor Aguer, der emeritierte Erzbischof von La Plata, schweigt auch im von Papst Franziskus verordneten Ruhestand nicht. Erzbischof Aguer war Bergoglios Gegenspieler im argentinischen Episkopat. Beide waren in den 90er Jahren unter Kardinal Antonio Quarrancino Weihbischöfe von Buenos Aires. Zwischen beiden entschied sich Kardinal Quarrancino für Bergoglio als seinen Nachfolger. Eine fatale Weichenstellung. In seiner jüngsten Stellungnahme erhebt der argentinische Erzbischof Anklage gegen Papst Franziskus wegen des Motu Proprio Traditionis custodes und tadelt die päpstliche Linie als „offiziellen Progressismus“.

Der Nachfolger von Msgr. Aguer als Erzbischof von La Plata, Msgr. Victor Manuel Fernández, ein engerer Vertrauter von Papst Franziskus, eliminierte das Motu proprio Summorum Pontificum in seinem Bistum bereits 19 Monate vor Traditionis custodes. Rückblickend erscheint das Vorgehen des päpstlichen Protegés wie ein Probelauf.

„Der Papst ist nicht der Herr der Liturgie, der mit ihr machen kann, was er will, sondern ihr Diener und Bewahrer“, warnt nun Erzbischof Aguer.

Die von Erzbischof Aguer zitierten Papstworte entstammen dem Motu proprio Traditionis custodes, dem Gespräch mit den Schriftleitern der europäischen Jesuitenzeitschriften vom 19. Mai 2022 und einer Ansprache an die Teilnehmer der Konferenz „Entwicklungslinien des globalen Bildungspakts“ vom 1. Juni 2022.

Das Motu proprio Traditionis custodes ist eine echte Katastrophe

Der Progressismus, der sich vor einem Jahrzehnt in Rom etabliert hat, kritisiert eine Art umgekehrten Populismus. Dem Handbuch des Populismus ist zu entnehmen, daß es notwendig ist, das Vertrauen und die Unterstützung der jungen Menschen zu gewinnen. Es ist aber nun einmal so, daß diese Abweichungen und fortschrittlichen Abenteuern gegenüber mißtrauisch sind und die Tradition bevorzugen und lieben. Rom geißelt sie, indem es sie auf verächtliche Weise mit dem Neologismus „Indietrismus“ brandmarkt. Gemeint sollen jene sein, die „zurückschauen“ und sich danach sehnen würden, „zurückzugehen“ – was allemal besser wäre als die Gegenwart und der „Fortschritt“ der Progressiven. „Zurück“ liegen die Wurzeln, der Abendmahlssaal und das Kreuz, aus denen die große kirchliche Tradition entspringt. Es ist interessant festzustellen, daß junge Menschen im allgemeinen von der Möglichkeit begeistert sind, an der überlieferten Messe teilzunehmen, die Benedikt XVI. mit großer Weisheit und pastoralem Eifer ermöglicht hat, als er sie 2007 mit seinem Motu proprio Summorum Pontificum als außerordentliche Form des Römischen Ritus etablierte. Natürlich waren es nicht nur die jungen Leute, die seither an der jahrhundertealten Zelebration festhielten, in der sie den Sinn des Geheimnisses entdeckten. Vor allem aber waren die neuen Generationen angezogen von einer Genauigkeit, Feierlichkeit und Schönheit, die sie nicht kannten und die sie in der von dem Freimaurer Annibale Bugnini und seinem Expertenrat erfundenen ‚Eucharistiefeier‘ nicht fanden.

Das Motu proprio Traditionis custodes ist ein echtes Unglück, das viele Priester und Gläubige zum Ungehorsam zwingt, der von den guten Bischöfen mit Verständnis (einer Art von Indult) gesehen wird. Dieser päpstliche Ukas, der im Gegensatz zur viel verkündeten Synodalität steht, hat die Arbeit der großen Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. desavouiert. „Zurückkehren“ ist paradoxerweise in diesem Fall gleichbedeutend mit „Vorwärtsgehen“, da es darin besteht, an der Tradition festzuhalten, die immer dieselbe ist, immer neu, kein Museumsstück, sondern wie eine lebendige Pflanze, wie der heilige Vinzenz von Lerins im 5. Jahrhundert erkannte und sagte: In eodem scilicet dogmate, eodem sensu, eademque sententia [nämlich in derselben Lehre, in demselben Sinne und in derselben Bedeutung]. Der Papst ist nicht der Herr der Liturgie, der mit ihr machen kann, was er will, sondern ihr Diener und Bewahrer. Joseph Ratzinger erklärt dies sehr gut in seiner Theologie der Liturgie.

Rom verunglimpft nicht nur den „Indietrismus“, sondern kritisiert auch immer wieder jene, die „stark veraltete Muster“ verwenden – eine weitere Karikatur der Tradition! „Wir müssen unsere Art, die Realität zu sehen und zu bewerten, erneuern.“ Es wird auch bekräftigt, daß „das einzige Konzil, an das sich manche Hirten am besten erinnern, das Konzil von Trient“ sei mit dem Zusatz, daß das „kein Unsinn ist“. Nein, es ist schlimmer: Es ist ein Trugschluß, eine Verhöhnung.

Eine weitere Parole des offiziellen Progressismus ist „Restauration“, den er vielen in den Vereinigten Staaten zuschreibt. Er scheint sich darüber zu ärgern, daß die große kirchliche Tradition in diesem Land blüht. Der Vorwurf lautet auf eine „Restauration“, die das Zweite Vaticanum „nicht akzeptiert“ hätte. Es ist merkwürdig, daß Rom das Konzil mit dem „Geist des Konzils“ verwechselt, der seine willkürliche Verzerrung war. Progressive Manie betrachtet Gruppen, „die der Kirche durch soziale oder pastorale Hilfe ein neues Gesicht geben“, als „Zeichen der Erneuerung“. Ein neues Gesicht, in dem Christus das seiner Braut nicht mehr erkennt.

Die „Indietristen“ und die „Restauratoren“ sind jene, die sich in ihrem Handeln von der Konstitution Sacrosanctum Concilium leiten lassen, einem Text, in dem der Wille der Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils festgeschrieben ist: „Niemand, auch kein Priester, darf der Liturgie aus eigenem Antrieb etwas hinzufügen, wegnehmen oder verändern“ (Nr. 22). Dieser Hinweis impliziert, daß die Liturgie durch die Genauigkeit des Ritus gekennzeichnet sein soll. In jedem religiösen System finden wir das, was der römische Jurist Pomponius Festus (der ein Heide war) als mos comprobatus in administrandis sacrificiis [die anerkannte Weise, Opfer darzubringen] bezeichnete. Joseph Ratzinger hat dieses Ziel interpretiert als „Suche nach einer richtigen Form der Gottesverehrung, nach einer Form des Gebets und des gemeinschaftlichen Gottesdienstes, die Gott gefällt und seinem Wesen entspricht. Wie kann man Ihn so verherrlichen, daß diese Anbetung der richtige Weg ist, Ihm zu begegnen? Mos bedeutet Sitte, Brauch, Gewohnheit, Praxis und bezeichnet auch das Gesetz. In der christlichen Sprache ist es der Ritus, die ‚Orthodoxie‘, die rechtmäßige Verherrlichung Gottes, die vom Volk Gottes, das die Kirche ist, gebilligt und aufrechterhalten wird.“ Der Römische Ritus wurde in den ersten christlichen Jahrhunderten geformt und unverändert weitergegeben. Viele Heilige haben ihn zelebriert. Im Jahr 2007 rettete Benedikt XVI. ihn als „außerordentliche Form“, und eine Vielzahl junger Menschen entdeckte ihn als eine vollkommene Form der Anbetung Gottes, die das Kreuzesopfer auf sakramentale Weise vergegenwärtigt. Die Genauigkeit – ohne subjektivistische Strenge – ist im Römischen Ritus ein objektiver Wert, sie schützt die Anbetung des Mysteriums und ermöglicht die Vereinigung des Zelebranten und der Gläubigen mit der übernatürlichen Wirklichkeit, die unter dem Schleier der sakramentalen Zeichen gegenwärtig wird. In der Eucharistie wird Gott wahrhaft verherrlicht, und man nimmt teil am Opfer Jesu Christi, des fleischgewordenen Wortes und auferstandenen Erlösers. In der neuen Messe Pauls VI. (in Wirklichkeit von Bugnini) ist der Altar verschwunden und durch einen Tisch ohne Kreuz ersetzt; die Kniebeugung und die Ehrerbietung entfallen; der Zelebrant schaut die Gläubigen an und bezieht sich auf sie in einer brüderlichen Begegnung, anstatt sie zu führen, mit ihnen nach Osten zu schauen, zum Anatolé [Sonnenaufgang], der kommt, damit die Gemeinschaft der Kirche durch das Wirken des Heiligen Geistes den Vater verherrlicht: Mit Christus, durch Ihn und in Ihm wird dem Vater alle Ehre und Herrlichkeit gegeben.

Zwei weitere Werte werden dem Ritus zugeschrieben, die von den „Indietristen“ und „Restauratoren“ gepflegt werden: Feierlichkeit und Schönheit. Ersteres wurde in der Praxis der neuen Messe durch Trivialisieren abgelöst; es ist eine lächelnde und freundliche Begegnung, bei der der Priester als Animator fungiert. Es wird besonders darauf geachtet, daß die Atmosphäre, die geschaffen wird, ohne rituelle Genauigkeit, „heimelig“, alltäglich und gewöhnlich ist. Auf diese Weise will man die Massen anlocken, ohne sich bewußt zu machen, daß die Feierlichkeit die Hüterin des Glaubens ist, ein unschätzbares Geschenk Gottes, und daß die Eucharistie ein Fest des Glaubens ist.

Unter Schönheit verstehen wir nicht nur den Rahmen, der kunstvoll gestaltet sein muß, sondern das Ganze, die Gesamtheit und ihre Vollkommenheit. Nur ein Aspekt soll hervorgehoben werden: die Musik. Der Gregorianische Choral, die a capella vorgetragene Polyphonie und die Orgel werden durch die Gitarre ersetzt, die nicht wie eine Laute gespielt (man beachte die Verwandtschaft zwischen Gitarre und Laute), sondern schlecht gespielt und bestraft wird. Der Text und die elementare, perkussive Melodie ergeben ein unbedeutendes Liedchen ohne jeglichen musikalischen oder kulturellen Wert. Der Römische Ritus hat Schöpfungen von hoher Kunst hervorgebracht, die sich auch im weltlichen Bereich verbreiteten und berühmt wurden. Die größten Komponisten des Westens im 17. Jahrhundert haben der Kirche und der Welt einen wunderbaren Schatz geschenkt. Es ist unmöglich, im Rahmen eines Artikels all die berühmten Namen der Komponisten von Messen, Oratorien, Hymnen und Stücken religiöser Inspiration aufzuzählen. Als Beispiele nenne ich nur die h‑Moll-Messe von Johann Sebastian Bach bis Olivier Messiaens Zwanzig Ansichten des Jesuskindes. Dieser Reichtum an Musik im Dienste der Kirche war ausgesprochen populär. In den Städten und sogar in den Dörfern mit bescheidenen Mitteln wurde stets die Schönheit des Gottesdienstes gepflegt. Ein gesunder „indietrismo“ kann heute diesen Schatz wieder in Umlauf bringen, auch außerhalb der liturgischen Feier, indem die Kompositionen in Kirchen im Kontext des Gebets dargeboten werden. Es ist angebracht zu erkennen, daß man nicht nur betet, indem man betet oder singt, sondern auch zuhört, mit den Ohren und dem Herzen. Die Fruchtbarkeit der Kirche hat mit ihrer Ermutigung das musikalische Schaffen gefördert und über Jahrhunderte hinweg ein Mäzenatentum ausgeübt, das anzuerkennen ist (und von den Historikern anerkannt wird) und das zur Ehre Gottes und zur Bildung der Völker wiederentdeckt werden kann. Ich beharre darauf: Die Schönheit des Gottesdienstes kann populär werden, wenn sie offiziell gepflegt wird, wenn sie wieder den notwendigen Platz in der Liturgie bekommt. Es gibt nichts Unpopuläreres als Populismus. Rom bleibt das Zentrum des Westens; es steht ihm nicht an, den Pauperismus einer fernen Bananenrepublik zu übernehmen.

Die Werte der Genauigkeit, der Feierlichkeit und der Schönheit hinterlassen, wenn sie in der Liturgie gepflegt werden, eine kulturelle Prägung, die einen Reichtum der Evangelisierung darstellt. Eine objektive, von ideologischen Vorurteilen freie Lektüre der Konstitution Sacrosanctum Concilium offenbart die Kohärenz des Zweiten Vaticanum mit der großen kirchlichen Tradition. Eine andere Sache ist die Reform der Riten, insbesondere des Meßritus – das Werk von Bugnini und seinen Leuten. Vom Rationalismus geprägte Teile der liturgischen Bewegung haben die Verwurzelung des Volkes in den besten Errungenschaften der jahrhundertealten Übung nicht wahrgenommen, die sich in der überlieferten Messe konkretisiert und immer die Einheit der Kirche zum Ausdruck gebracht hat. Ich füge an dieser Stelle ein langes Zitat von Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. – ein, das zum Ausdruck bringt, was ich zu sagen versuche: „Eine Messe, die in einem Dorf in Oberbayern gefeiert wird, wird ganz anders aussehen als eine feierliche Messe in einer französischen Kathedrale, und diese wiederum anders als eine Messe in einer Pfarrei in Süditalien oder in einem Bergdorf in den Anden und so weiter und so fort. Die Ausschmückung und Gestaltung des Altars und der ganzen Kirche, der Gottesdienst, die Art zu singen und zu beten, all das gab der Liturgie einen besonderen Charakter, so daß man sich in ihr ganz ‚zu Hause‘ fühlte. Und doch konnte man sie überall als ein und dieselbe erfahren und so die große Gemeinschaft des Glaubens wahrnehmen. Die Einheit des Ritus ist die eigentliche Erfahrung der Communio; wo diese respektiert und gleichzeitig gefördert wird, gibt es keinen Gegensatz zwischen Vielheit und Einheit.“

Die „Indietristen“ und „Restauratoren“ wünschen nur, sich „zu Hause“ zu fühlen, wenn sie zur Messe gehen. „Tornare indietro“ (zurückkehren) heißt in Wirklichkeit „andare avanti“ (vorwärts gehen), sich vom Fluß der großen Tradition treiben lassen. Wiederherzustellen bedeutet, wiederaufzubauen, zu rekonstruieren, den Weg wiederherzustellen, der immer gültig ist. Es gibt keine tote, stinkende Vergangenheit, wie bei Lazarus nach vier Tagen im Grab; es ist etwas Lebendiges, Gegenwärtiges, Beständiges, das wir in die Zukunft weitergeben müssen. Das ist die Neuheit und Jugendlichkeit des Christentums. Rom lehnt nun in Interventionen, die aufgrund ihrer gewollten Zweideutigkeit große Verwirrung stiften, die Verwendung von – wie es heißt – „stark veralteten Mustern“ ab und schlägt uns vor, „unsere Art, die Realität zu sehen und zu bewerten, zu erneuern“. Das ist ein Vorschlag des elementaren Progressismus, der nur die Zahl der „Indietristen“ und „Restauratoren“ vergrößern wird, da der christliche gesunde Menschenverstand uns auffordert, an den gesunden Positionen festzuhalten.

+ Héctor Rubén Aguer
Emeritierter Erzbischof von La Plata

Buenos Aires, Montag, 18. Juli 2022

Quelle: katholisches, Einleitung/Übersetzung: G. N. Bild: MiL, Archivar: Pater Andreas Endl

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