„Kirche am Rand einer neuen Katastrophe“

Pater Davide Pagliarini, der Generalobere der Piusbruderschaft, ruft dazu auf, nicht nur Symptome, sondern die Ursachen der Kirchenkrise anzusprechen und zu beheben, doch Papst Franziskus steuere die Kirche auf „eine neue Katastrophe“ zu.

INTERVIEW DES GENERALOBEREN DER PIUSBRUDERSCHAFT, P. DAVIDE PAGLIARINI

(Bern) Zwei Wochen vor Beginn der umstrittenen Amazonassynode kritisierte der Generalobere der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) die Entwicklung. Die Kirche stehe „auf dem Kopf“, sagte P. Davide Pagliarini, der seit 2018 die Bruderschaft leitet. „Der Eindruck, den viele Katholiken derzeit haben, ist der einer Kirche am Rand einer neuen Katastrophe“, so der Generalobere in einem am Dienstag in deutscher Fassung veröffentlichten Interview.

Zum besseren Verständnis der jüngsten Entwicklungen unternimmt Pagliarini zunächst einen Schritt in die Vergangenheit: Das Zweite Vatikanische Konzil sei rückblickend nur möglich gewesen, „weil es das Ergebnis einer Dekadenz war, die die Kirche in den Jahren vor dessen Eröffnung erfasste: Ein Damm brach ein unter dem Druck einer Kraft, die seit einiger Zeit am Werk war.“

Das sei es, was die großen Revolutionen erfolgreich mache, denn der Gesetzgeber billige und sanktioniere lediglich eine Situation, „die zumindest teilweise bereits eine Tatsache ist“.

„Unter diesem Pontifikat war Amoris laetitia die Ratifizierung einer Praxis, die leider bereits in der Kirche besteht, insbesondere was die Möglichkeit des Kommunionempfangs betrifft für Personen, die im Zustand der öffentlichen Sünde leben. Heute scheint die Situation reif zu sein für weitere überaus tiefgreifende Reformen.“

Amoris laetitia sei in der Kirchengeschichte, was Hiroshima oder Nagasaki für die Geschichte Japans sei:

„Menschlich gesprochen sind die Schäden irreparabel“.

Dieser „zweifellos revolutionärste und gleichzeitig umstrittenste Akt von Papst Franziskus“ habe vielen Geistlichen und Gläubigen ermöglicht, „das Vorliegen gravierender Irrtümer zu erkennen“. Pagliarini warnt zugleich aber davor, Amoris laetitia als „das Werk einer exzentrischen und in ihren Worten provozierende Persönlichkeit zu vereinfachen“.

Amoris laetitia sei ein Ergebnis, das früher oder später aufgrund der vom Konzil „vorgegeben Voraussetzungen“ eintreten habe müssen. Der Generalobere der Piusbruderschaft verweist dazu auf Kardinal Walter Kasper, der zugegeben habe, daß der „neuen Ekklesiologie“ des Konzils, auch „ein neues Verständnis der christlichen Familie entspricht“.

Die „ekklesiologische Neuheit“ des Konzils sei das „äußerst elastische“ Verständnis der Zugehörigkeit zur Kirche als „variable Geometrie“. Das sei „der Ursprung des ökumenischen Chaos“.

Theologische Neuerungen seien zudem nie „abstrakt“. Alle dogmatischen Irrtümer, die die Kirche betreffen, „haben Auswirkungen auf das konkrete Leben der Gläubigen“.

„Einer ökumenischen, flexiblen und panchristlichen Kirche entspricht eine Auffassung von der Familie, in der die Verpflichtungen der Ehe nicht mehr denselben Wert haben, in der die Bande zwischen den Eheleuten, zwischen einem Mann und einer Frau, nicht mehr auf die gleiche Weise wahrgenommen oder definiert werden: Auch sie werden flexibel.“

So wie es für die „panchristliche“ Kirche gute Elemente außerhalb der katholischen Einheit gebe, so gäbe es für sie gute Elemente auch außerhalb der sakramentalen Ehe, „in einer Zivilehe und auch in jeder anderen beliebigen Verbindung“.

„So wie es keinen Unterschied mehr gibt zwischen einer ‚wahren‘ Kirche und ‚falschen‘ Kirchen“, gebe es auch keinen Unterschied mehr zwischen den unterschiedlichen Formen von Verbindungen.

Nichts sei mehr „schlecht an sich“, sondern nur mehr „weniger gut“.

„Bisher haben wir über gute oder schlechte Handlungen, über ein Leben im Gnadenstand oder in der Todsünde gesprochen. Jetzt gibt es nur noch gute oder weniger gute Handlungen; Lebensformen, die das christliche Ideal ganz erfüllen, und andere, die ihm nur teilweise entsprechen… In einem Wort, einer ökumenischen Kirche entspricht eine ökumenische Familie, d.h. eine Familie, die je nach Bedürfnissen und Empfindlichkeiten neu zusammengesetzt wird oder zusammensetzbar ist.“

Amoris laetitia sei „das unvermeidliche Ergebnis der neuen Ekklesiologie, die von Lumen gentium gelehrt wird.“

„Und tatsächlich gleicht die christliche Ehe mit Amoris lætitia mehr und mehr der Ehe, wie die Moderne sie auffasst und profaniert.“

Daraus ergebe sich, so Pagliarini, daß „die objektiv verwirrende Lehre von Papst Franziskus kein seltsamer Auswuchs, son­dern die logische Konsequenz aus den im Konzil festgelegten Grundsätzen (ist)“.

Die neue Ekklesiologie ersetzte das Verständnis „des geheimnisvollen Leibes Christi“ mit dem Begriff „des Volkes Gottes“. Erst 1985 sei es zu einer „Neuorientierung“ gekommen, weil die Befreiungstheologie den Begriff „Volk Gottes“ in die Nähe des Marxismus gerückt hatte. Er wurde nun durch „die Ekklesiologie der Communio“ ausgetauscht, „die eine äußerst elastische Zugehörigkeit zur Kirche ermöglicht; mit ihr sind alle Christen in derselben Kirche Christi vereint, aber mehr oder weniger, was bewirkt, dass der ökumenische Dialog, wie bei der Versammlung von Assisi 1986, zu einem Babel geworden ist, vergleichbar mit dem Polyeder, das Papst Franziskus so lieb ist.“

Die jüngsten Fehlentwicklungen gehen, laut dem Generaloberen der Piusbruderschaft, „alle direkt oder Indirekt auf einen falschen Kirchenbegriff zurück“. Die Reformen und Reformpläne von Papst Franziskus „setzen immer eine zuhörende, eine synodale Kirche voraus, die auf die Kultur der Völker, ihre Erwartungen und Forderungen, insbesondere auf die menschlichen und natürlichen Bedingungen eingeht, die für unsere Zeit typisch sind und sich ständig ändern“. Der Glaube, die Liturgie und die Leitung der Kirche müßten sich „an all dies anpassen und das Ergebnis davon sein“, also sich auch ständig ändern.

Die „synodale Kirche, die immer eine hörende sein muss, ist die neueste Entwicklung der vom Zweiten Vatikanischen Konzil geförderten kollegialen Kirche“. Das Instrumentum laboris der Amazonassynode liefere das jüngste Beispiel. Es übernehme sogar „Traditionen der Geisterverehrung und die traditionelle amazonische Medizin“. Die vorchristlichen Traditionen der Völker werden sogar zu einem „theologischen Ort“, zu einer „besonderen Quelle der Offenbarung Gottes“ erklärt.

Pater Pagliarini folgert daraus:

„Es scheint, dass die gegenwärtige Hierarchie, anstatt das Heidentum zu bekämpfen, es übernehmen und sich seine Werte aneignen will. Und die Macher der bevorstehenden Synode verweisen auf diese ‚Zeichen der Zeit‘, die Johannes XXIII. teuer waren und die wie Zeichen des Heiligen Geistes erforscht werden müssen.“

Das Projekt zur Reform der Römischen Kurie „befürwortet eine Kirche, die viel mehr einem menschlichen Unternehmen gleicht als einer göttlichen, hierarchischen Gesellschaft, die Verwahrerin der übernatürlichen Offenbarung ist, ausgestattet mit dem unfehlbaren Charisma, der Menschheit die ewige Wahrheit bis zum Ende der Zeiten zu bewahren und zu lehren“.

Das verwundere nicht, so der Generalobere der Piusbruderschaft, da im Reformentwurf ausdrücklich von einer „Aktualisierung (aggiornamento) der Kurie auf der Grundlage der Ekklesiologie des Zweiten Vatikanum“ die Rede ist. Die Römische Kurie wird wörtlich als „eine Art Plattform und Forum für die Kommunikation“ bezeichnet.

„Plattform, Forum, Synodalität, Dezentralisierung…, all dies bestätigt nur die ekklesiologische Wurzel aller modernen Irrtümer. In diesem formlosen Magma gibt es keine höhere Autorität mehr. Es ist die Auflösung der Kirche, wie unser Herr sie eingesetzt hat. Mit der Gründung seiner Kirche hat Christus kein Kommunikationsforum und keine Plattform für den Austausch eröffnet; er hat Petrus und seine Apostel mit der Aufgabe betraut, seine Herde zu weiden, sowie Säulen der Wahrheit und Heiligkeit zu sein, um die Seelen in den Himmel zu führen.“

Auf die Frage, wie sich dieser „ekklesiologische Irrtum“ charakterisieren lasse, verweist Pagliarini auf Erzbischof Lefebvre (1905–1991), den Gründer der Piusbruderschaft.

„Er sagte, dass die Struktur der neuen Messe einer demokratischen Kirche entspricht, die nicht mehr hierarchisch und monarchisch ist. Die synodale Kirche, von der Franziskus träumt, ist wirklich demokratisch. Er selbst hat das Bild gegeben, das er von ihr hat: das einer umgekehrten Pyramide. Könnte man noch deutlicher ausdrücken, was er mit Synodalität meint? Es ist eine Kirche, die auf dem Kopf steht.“

Kritische Stimmen, die gegen diese Reformen erhoben wurden, seien Ausdruck für „ein zunehmendes Bewusstsein bei vielen Gläubigen und einigen Prälaten darüber, dass sich die Kirche einer neuen Katastrophe nähert.“

„Diese Reaktionen haben den Nutzen und das Verdienst zu zeigen, dass die Stimme, die diese Irrtümer vertritt, weder die Stimme Christi noch die des Lehramtes der Kirche sein kann. Das ist äußerst wichtig und trotz des tragischen Zusammenhangs ermutigend. Die Bruderschaft hat die Pflicht, auf diese Reaktionen sehr aufmerksam zu sein.“

Bisher sei es so, daß diese Reaktionen „systematisch an einer ‚Gummiwand‘ abprallen“. Man müsse den Mut aufbringen, danach zu fragen, warum dem so ist.

Als Beispiel nennt Pagliarini die Dubia zu Amoris laetitia, die von vier Kardinälen vorgebracht wurden.

„Diese Reaktion hatte bei vielen Aufmerksamkeit erregt und wurde als Beginn einer Reaktion gefeiert, die zu dauerhaften Ergebnissen führen würde. Tatsächlich aber hat das Schweigen des Vatikans diese Kritik unbeantwortet gelassen. In der Zwischenzeit sind zwei dieser Kardinäle gestorben, und Papst Franziskus ist zu den anderen Reformprojekten übergegangen, die wir gerade erwähnt haben, – was bedeutet, dass sich die Aufmerksamkeit auf neue Themen verlagert und der Kampf um Amoris lætitia zwangsläufig im Hintergrund bleibt, vergessen wird; und der Inhalt dieses apostolischen Schreibens scheint de facto akzeptiert.“

Um „dieses Schweigen des Papstes zu verstehen“, dürfe nicht vergessen werden, „dass die aus dem Konzil hervorgegangene Kirche pluralistisch ist.“

„Es ist eine Kirche, die nicht mehr auf einer ewigen und offenbarten Wahrheit basiert, die von oben durch die Autorität gelehrt wird. Wir haben eine Kirche vor uns, die zuhört und deshalb zwangsläufig auf Stimmen hört, die sich voneinander unterscheiden können. Um einen Vergleich zu ziehen: Es gibt in einem demokratischen System immer einen Platz für die Opposition, wenigstens dem Anschein nach. Sie ist Teil des Systems, weil sie zeigt, dass wir diskutieren, eine andere Meinung haben können, dass es Platz gibt für alle. Dies kann selbstverständlich den demokratischen Dialog fördern, aber nicht die Wiederherstellung einer absoluten und universellen Wahrheit und eines ewigen moralischen Gesetzes. Auf diese Weise kann der Irrtum frei gelehrt werden neben einer echten, aber strukturell wirkungslosen Opposition, die unfähig ist, die Wahrheiten an ihre Stelle zu setzen. Wir müssen also aus dem pluralistischen System selbst austreten, und dieses System hat eine Ursache, das Zweite Vatikanische Konzil.“

Was sollten die Prälaten und die Gläubigen daher tun?

„Zunächst einmal sollten sie die Klarheit und den Mut aufbringen, anzuerkennen, dass es eine Kontinuität gibt zwischen den Lehren des Konzils, der Päpste der nachkonziliaren Ära und dem gegenwärtigen Pontifikat. Das Lehramt des ‚heiligen‘ Johannes Paul II. etwa gegen die Neuerungen von Papst Franziskus anzuführen, ist ein sehr schlechtes Mittel, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist.“

Pagliarini betont, damit „weit davon entfernt“ zu sein, die gesetzten Bemühungen zu verachten, doch es sei „eine Frage der Nächstenliebe, aufzuzeigen, wo die Wurzel der Probleme liegt“.

Eine Kritik an den Plänen von Papst Franziskus, „die sich nur auf die Symptome konzentriert, ohne auf ihre Ursache zurückzugehen“, stelle „eine höchst schädliche und verwirrende Unlogik dar“.

Die Piusbruderschaft sei „keine berufmäßige ‚Nörglerin‘, wie ihr von mancher Seite vorgeworfen werde.

„Sie hat die Freiheit im Ton, die es ihr erlaubt, offen zu sprechen, ohne Angst zu haben, Vorteile zu verlieren, die sie nicht hat. Diese Freiheit ist unter den gegeben Umständen unerlässlich.“

Die Bruderschaft habe aber vor allem „die Liebe zur Kirche und zu den Seelen“. Die aktuelle Krise sei nicht nur lehrmäßig, sondern längst in den Alltag übergegangen:

„Die Seminare schließen, die Kirchen leeren sich, die sakramentale Praxis zerfällt in schwindelerregender Weise. Wir können nicht nur Zuschauer sein, die die Arme verschränken.“

Die Piusbruderschaft strebe durch ihre „tägliche apostolische Arbeit“ an, „das weiterzugeben, was wir empfangen haben (1 Kor 15,3)“ im Bewußtsein, „dass die Tradition Recht hat“. Die Tradition habe „die Pflicht, den Seelen zu Hilfe zu kommen mit den Mitteln, die ihr die heilige Vorsehung zur Verfügung stellt. Wir werden nicht vom Stolz getrieben, sondern von der Nächstenliebe gedrängt.“

„Dies aber ist untrennbar verbunden mit der Verurteilung der Übel, unter denen die Kirche leidet, um so die von schlechten Hirten verlassene und zerstreute Herde zu schützen.“

Die Prälaten und die Gläubigen „müssen den Mut haben zu erkennen, dass selbst eine gute lehrmäßige Stellungnahme nicht ausreichen kann, wenn sie nicht von einem seelsorglichen, geistlichen und liturgischen Leben begleitet wird, das den zu verteidigenden Grundsätzen entspricht, denn das Konzil hat eine neue Art der Konzeption des christlichen Lebens eingeführt, das mit einer neuen Lehre im Einklang steht.“

Wenn die Lehre mit all ihren Rechten bekräftigt wird, muss man übergehen zu einem wirklich katholischen Leben in Übereinstimmung mit dem, was man bekennt. Andernfalls wird diese oder jene Erklärung nur ein Medienereignis bleiben, das auf einige Monate, ja sogar auf einige Wochen begrenzt ist… Konkret heißt das, sie müssen zur tridentinischen Messe übergehen und zu allem, was das bedeutet; sie müssen zur katholischen Messe übergehen und alle Konsequenzen daraus ziehen; sie müssen zur nicht-ökumenischen Messe, zur Messe aller Zeiten übergehen und diese Messe das Leben der Gläubigen, der Gemeinschaften, der Seminare erneuern und vor allem die Priester umgestalten lassen. Es geht nicht darum, die tridentinische Messe wiederherzustellen, weil sie die beste theoretische Option ist; es geht darum, sie wiederherzustellen, sie zu leben und sie bis zum Martyrium zu verteidigen, weil allein das Kreuz unseres Herrn die Kirche aus der katastrophalen Lage herausführen kann, in der sie sich befindet.“

Quelle: katholisches Bild: zentralplus

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