
Am Hauptsitz des Pontifex im Vatikan, in unmittelbarer Nähe zum Apostolischen Palast, befindet sich das „Istituto per le Opere di Religione“ (IOR), gemeinhin bekannt als Vatikanbank. Das „Institut für religiöse Werke“ ist die einzige Einrichtung des Vatikans, die zur Erbringung professioneller Finanzdienstleistungen befugt ist. Nach Eigenangaben verwaltet sie Vermögenswerte im Einklang mit der katholischen Lehre und betreut mehr als 12.000 Kunden aus über 110 Ländern. Zuletzt erwirtschaftete die Vatikanbank einen jährlichen Gewinn von mehr als 30 Millionen Euro, der an den Heiligen Stuhl ausgeschüttet wird.
Bis diese Woche leitete der österreichische Kardinal Christoph Schönborn die Kardinalskommission, das oberste Aufsichtsgremium der IOR, das den Aufsichtsrat bestellt und den Generaldirektor der Bank bestätigen muss. Zwölf Jahre lang prägte Schönborn damit die Geschicke des vatikanischen Geldinstituts maßgeblich mit.
Skandalbank
Schönborns Bestellung in die Kardinalskommission kam nicht von ungefähr – er sollte Reformen vorantreiben. Denn seit Jahrzehnten sieht sich der Vatikan mit Skandalen rund um seine Bank konfrontiert, die oft für Schlagzeilen sorgten. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ bezeichnete das Institut einst als vatikanisches „Offshoreparadies für dunkle Finanzgeschäfte“.
In den 1980er Jahren war die IOR in ein mutmaßliches Mafiageschäft mit dem Mailänder Bankier Roberto Calvi verwickelt. Nachdem dessen Banco Ambrosiano Pleite ging, wurde Calvi unter einer Londoner Brücke an einem Strick hängend aufgefunden.
2009 veröffentlichte der italienische Investigativjournalist Gianluigi Nuzzi Recherchen, die scheinheilige Geschäfte der Vatikanbank belegen sollten: intransparente Bilanzen, anonyme Nummernkonten sowie mutmaßliche Verbindungen zur Geldwäsche für die Mafia.
Die Vatikanbank bemühte sich zeitgleich um Reformen, trotzdem rissen die Vorwürfe nicht ab. 2010 beschlagnahmte die italienische Finanzpolizei 23 Millionen Euro und leitete Ermittlungen wegen des Verdachts der Geldwäsche gegen ranghohe Funktionäre der Einrichtung ein. „Es lag wirklich sehr viel im Argen. Man kann durchaus von Korruption sprechen, und zwar auch in den eigenen Reihen“, sagte Schönborn gegenüber der Nachrichtenagentur „Kathpress“ am Dienstag. Bereits Papst Benedikt XVI. habe laut Kirchenbeobachtern versucht, das Institut zu reformieren, letztlich aber nicht die innerkirchliche Unterstützung dafür aufgebracht.
Reformbank
Die Bilanz des scheidenden Präsidenten fällt entsprechend positiv aus. Als Schönborn 2014 von Papst Franziskus in die Kardinalskommission berufen wurde, stand der vatikanische Zahlungsverkehr vor erheblichen Problemen. Die italienische Zentralbank hatte ein Jahr zuvor begonnen, Kartenzahlungen und Bargeldbehebungen in Vatikanstadt zeitweise auszusetzen, da geltende Anti-Geldwäsche-Vorschriften nicht ausreichend umgesetzt wurden. Keine einzige italienische Bank habe damals mit der IOR zusammenarbeiten wollen, schildert Schönborn rückblickend die damalige Lage.
Ob der Vatikan überhaupt eine eigene Bank benötigt, habe sich auch Papst Franziskus zu Beginn seiner Amtszeit gefragt, so Schönborn. Letztlich sei man jedoch zu der Einsicht gelangt, dass ein eigenes Finanzinstitut für die vielfältigen Aufgaben des Vatikans sinnvoll sei. Die Vatikanbank sei zwar klein, „aber sie liegt halt im Vatikan – und daher ist die Aufmerksamkeit besonders groß“.
Auf Christoph Schönborn folgt der italienische Kardinal Giuseppe Petrocchi als neuer Präsident der Kommission. Als neues Mitglied des Gremiums berief Papst Leo XIV. zu Jahresanfang den spanischen Kardinal Ángel Fernández Artime.
Quelle: msn
