
„Suprema lex, salus animarum“
„Das oberste Gesetz ist das Heil der Seelen. Von diesem übergeordneten Grundsatz hängt letztlich die gesamte Rechtmäßigkeit unseres Apostolates ab.“
FSSPX. Aktuell: Hochwürdigster Herr Generaloberer, Sie haben soeben öffentlich Ihre Absicht angekündigt, am kommenden 1. Juli Bischofsweihen für die Priesterbruderschaft St. Pius X. vornehmen zu lassen. Warum haben Sie diese Ankündigung heute, am 2. Februar, gemacht?
Don Davide Pagliarani: Das Fest der Reinigung der allerseligsten Jungfrau Maria besitzt in der Bruderschaft eine große Bedeutung. Es ist der Tag, an dem die Kandidaten für das Priestertum die Soutane empfangen. Die Darstellung unseres Herrn im Tempel, die wir heute feiern, erinnert sie daran, dass der Schlüssel ihrer Ausbildung und ihrer Vorbereitung auf die Weihen in ihrer Selbsthingabe liegt, die durch die Hände Mariens geht. Es ist ein außerordentlich wichtiges Marienfest, denn indem Simeon der Gottesmutter ein Schwert des Schmerzes ankündigt, zeigt er deutlich ihre Rolle als Miterlöserin an der Seite ihres göttlichen Sohnes. Man sieht sie mit unserem Herrn vereint, vom Beginn seines irdischen Lebens an bis zur Vollendung seines Opfers auf Golgotha. Ebenso begleitet die Gottesmutter den zukünftigen Priester in seiner Ausbildung und während seines ganzen Lebens: Sie ist es, die weiterhin unseren Herrn in seiner Seele formt.
FSSPX. Aktuell: Diese Ankündigung war in den vergangenen Monaten ein hartnäckiges Gerücht, insbesondere seit dem Tod von Bischof Tissier de Mallerais im Oktober 2024. Warum haben Sie bis jetzt gewartet?
Wie Erzbischof Lefebvre seinerzeit ist auch die Bruderschaft stets darum bemüht, der Vorsehung nicht zuvorzukommen, sondern ihr zu folgen, indem sie sich von ihren Hinweisen leiten lässt. Eine so bedeutende Entscheidung kann nicht leichtfertig oder überstürzt getroffen werden. Es handelt sich um ein äußerstes Mittel, das einer Notwendigkeit entsprechen muss, die ihrerseits real und ebenfalls von äußerster Natur ist. Die bloße Existenz einer Notwendigkeit zum Wohl der Seelen bedeutet noch nicht, dass jede beliebige Initiative zu ihrer Behebung von vornherein gerechtfertigt wäre.
Insbesondere, da es sich um eine Angelegenheit handelt, die offensichtlich die höchste Autorität der Kirche betrifft, war es notwendig, zunächst einen Schritt an den Heiligen Stuhl zu unternehmen – was wir getan haben – und eine angemessene Frist abzuwarten, um ihm eine Antwort zu ermöglichen. Es handelt sich um eine Entscheidung, die wir nicht hätten treffen können, ohne konkret unsere Anerkennung der Autorität des Heiligen Vaters zum Ausdruck zu bringen.
FSSPX. Aktuell: In Ihrer Predigt sagten Sie, Sie hätten tatsächlich an den Papst geschrieben. Können Sie uns dazu Näheres sagen?
Im vergangenen Sommer habe ich dem Heiligen Vater geschrieben, um eine Audienz zu erbitten. Da ich keine Antwort erhielt, schrieb ich ihm einige Monate später einen weiteren Brief – in einfacher und kindlicher Weise, ohne ihm irgendetwas von unseren Bedürfnissen zu verbergen. Ich schilderte unsere lehrmäßigen Divergenzen, aber auch unseren aufrichtigen Wunsch, der katholischen Kirche unermüdlich zu dienen, denn wir sind Diener der Kirche trotz unseres nicht anerkannten kirchenrechtlichen Status.
Auf dieses zweite Schreiben erhielten wir vor einigen Tagen eine Antwort aus Rom, von Kardinal Fernández. Leider berücksichtigt diese in keiner Weise den von uns unterbreiteten Vorschlag und bietet keine Lösung an, die unseren Anliegen entspricht.
Dieser Vorschlag besteht angesichts der ganz besonderen Umstände, in denen sich die Bruderschaft befindet, konkret in der Bitte an den Heiligen Stuhl, uns vorübergehend den Verbleib in unserer Ausnahmesituation zu gestatten – zum Wohl der Seelen, die sich an uns wenden. Wir haben dem Papst versprochen, all unsere Kräfte für die Bewahrung der Tradition einzusetzen und unsere Gläubigen zu wahren Söhnen der Kirche zu machen. Mir scheint, dass ein solcher Vorschlag sowohl realistisch als auch vernünftig ist und an sich die Zustimmung des Heiligen Vaters finden könnte.
FSSPX. Aktuell: Wenn Sie diese Zustimmung also noch nicht erhalten haben, warum halten Sie es dennoch für notwendig, zu Bischofsweihen zu schreiten?
Es handelt sich um ein äußerstes Mittel, das einer realen und ebenso äußersten Notwendigkeit entspricht. Gewiss bedeutet das bloße Bestehen einer Notwendigkeit zum Wohl der Seelen nicht, dass jede Initiative zu ihrer Behebung von vornherein gerechtfertigt wäre. Doch in unserem Fall glauben wir nach einer langen Zeit des Wartens, der Beobachtung und des Gebetes heute sagen zu können, dass der objektive Zustand schwerer Not, in dem sich die Seelen, die Bruderschaft und die Kirche befinden, eine solche Entscheidung erfordert.
Mit dem Erbe, das uns Papst Franziskus hinterlassen hat, bestehen die grundsätzlichen Erwägungen, die bereits die Weihen von 1988 gerechtfertigt haben, weiterhin in vollem Umfang fort und treten in vielerlei Hinsicht sogar mit erneuerter Dringlichkeit hervor. Das Zweite Vatikanische Konzil bleibt mehr denn je der Kompass, gemäß dem sich die Kirchenmänner orientieren, und es ist kaum zu erwarten, dass sie in absehbarer Zeit eine andere Richtung einschlagen. Die großen Leitlinien, die sich bereits für das neue Pontifikat abzeichnen, insbesondere durch das letzte Konsistorium, bestätigen dies nur: Man erkennt darin den ausdrücklichen Willen, die Linie von Papst Franziskus als einen unumkehrbaren Weg für die ganze Kirche beizubehalten.
„Wir haben dem Papst versprochen, all unsere Kräfte für die Bewahrung der Tradition einzusetzen und unsere Gläubigen zu wahren Söhnen der Kirche zu machen.“
Es ist traurig, dies feststellen zu müssen, aber es ist eine Tatsache: In einer gewöhnlichen Pfarrei finden die Gläubigen nicht mehr die notwendigen Mittel, um ihr ewiges Heil zu sichern. Dies betrifft insbesondere die vollständige Verkündigung der katholischen Wahrheit und Moral sowie die Spendung der Sakramente, wie die Kirche sie immer vollzogen hat. Darin besteht der Notstand. In diesem kritischen Kontext werden unsere Bischöfe älter und angesichts des stetigen Wachstums des Apostolates reichen sie nicht mehr aus, um den Bedürfnissen der Gläubigen in der ganzen Welt gerecht zu werden.
FSSPX. Aktuell: Inwiefern, meinen Sie, bestätigt das Konsistorium des vergangenen Monats die von Papst Franziskus eingeschlagene Richtung?
Kardinal Fernández hat im Namen von Papst Leo die Kirche dazu eingeladen, zur grundlegenden Intuition von Franziskus zurückzukehren, wie sie in Evangelii gaudium, seiner Schlüssel-Enzyklika, zum Ausdruck kommt: Ein wenig vereinfacht geht es darum, die Verkündigung des Evangeliums auf ihren ursprünglichen, wesentlichen Kern zu reduzieren – in sehr knappen und prägnanten Formeln, dem „Kerygma“. Dies geschieht im Hinblick auf eine „Erfahrung“, eine unmittelbare Begegnung mit Christus, wobei alles Übrige, so kostbar es auch sein mag, beiseitegelassen wird – konkret die Gesamtheit der Elemente der Tradition, die als nebensächlich und sekundär eingestuft werden.
Gerade diese Methode der Neuevangelisierung hat die für das Pontifikat von Franziskus charakteristische lehrmäßige Leere hervorgebracht, die ein ganzer Teil der Kirche stark empfunden hat. Gewiss muss man sich in dieser Perspektive stets bemühen, neue und angemessene Antworten auf aufkommende Fragen zu geben; diese Aufgabe soll jedoch durch die synodale Reform verwirklicht werden und nicht durch die Wiederentdeckung der klassischen und immer gültigen Antworten der Tradition der Kirche. Auf diese Weise, im angeblichen „Wehen des Geistes“ dieser synodalen Reform, konnte Franziskus der ganzen Kirche katastrophale Entscheidungen auferlegen, wie etwa die Zulassung der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene oder die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare.
Zusammengefasst: Durch das „Kerygma“ wird die Verkündigung des Evangeliums vom gesamten Korpus der traditionellen Lehre und Moral abgekapselt. Durch die Synodalität werden die traditionellen Antworten durch willkürliche Entscheidungen ersetzt, die leicht absurd und lehrmäßig nicht zu rechtfertigen sind. Kardinal Zen selbst hält diese Methode für manipulativ und die Zuschreibung an den Heiligen Geist für blasphemisch. Ich fürchte leider, dass er recht hat.
FSSPX. Aktuell: Sie sprechen vom Dienst an der Kirche, doch in der Praxis kann die Bruderschaft den Eindruck erwecken, die Kirche herauszufordern, insbesondere wenn Bischofsweihen in Betracht gezogen werden. Wie erklären Sie dies dem Papst?
Wir dienen der Kirche zunächst dadurch, dass wir den Seelen dienen. Dies ist eine objektive Tatsache, unabhängig von jeder anderen Erwägung. Die Kirche existiert ihrem Wesen nach für die Seelen: Ihr Ziel ist ihre Heiligung und ihre Rettung. Alle schönen Reden, die verschiedenartigen Debatten, die großen Themen, über die man diskutiert oder diskutieren könnte, haben keinen Sinn, wenn sie nicht auf das Heil der Seelen ausgerichtet sind. Es ist wichtig, daran zu erinnern, denn heute besteht die Gefahr, dass sich die Kirche mit allem Möglichen beschäftigt und dabei das Wesentliche aus dem Blick verliert. Die Sorge um die Ökologie etwa oder das Eintreten für die Rechte von Minderheiten, von Frauen oder von Migranten laufen Gefahr, die wesentliche Sendung der Kirche aus dem Auge zu verlieren. Wenn die Priesterbruderschaft St. Pius X. für die Bewahrung der Tradition kämpft, mit allem, was dies einschließt, dann einzig und allein deshalb, weil diese Schätze für das Heil der Seelen absolut unerlässlich sind, und weil sie nichts anderes anstrebt als dies: das Wohl der Seelen und das des Priestertums, das auf ihre Heiligung hingeordnet ist.
„In einer gewöhnlichen Pfarrei finden die Gläubigen nicht mehr die notwendigen Mittel, um ihr ewiges Heil zu sichern. Darin besteht der Notstand.“
Indem wir so handeln, stellen wir das, was wir bewahren, in den Dienst der Kirche selbst. Wir bieten der Kirche nicht ein Museum alter und verstaubter Dinge dar, sondern die Tradition in ihrer Fülle und Fruchtbarkeit, die Tradition, welche die Seelen heiligt und verwandelt, Berufungen und wahrhaft katholische Familien hervorbringt. Anders gesagt: Gerade für den Papst als solchen bewahren wir diesen Schatz bis zu dem Tag, an dem man seinen Wert wieder verstehen wird und an dem ein Papst sich seiner zum Wohl der ganzen Kirche bedienen will. Denn die Tradition gehört der Kirche.
FSSPX. Aktuell: Sie sprechen vom Wohl der Seelen, doch die Bruderschaft hat keine Sendung für die Seelen. Im Gegenteil, sie wurde vor über fünfzig Jahren kanonisch aufgehoben. Auf welcher Grundlage lässt sich eine Mission der Bruderschaft gegenüber den Seelen rechtfertigen?
Es handelt sich schlicht und einfach um eine Frage der Nächstenliebe. Wir wollen uns keine Sendung anmaßen, die wir nicht haben. Zugleich können wir uns aber nicht weigern, auf die geistliche Not der Seelen zu antworten, die sich zunehmend verwirrt, orientierungslos und verloren fühlen. Sie rufen um Hilfe. Und nachdem sie lange gesucht haben, finden sie ganz natürlich in den Reichtümern der vollständig gelebten Tradition der Kirche mit tiefer Freude Licht und Trost. Gegenüber diesen Seelen tragen wir eine wirkliche Verantwortung, auch wenn wir keine offizielle Sendung haben: Wenn jemand auf der Straße eine Person in Gefahr sieht, ist er verpflichtet, ihr nach Möglichkeit zu Hilfe zu kommen, auch wenn er weder Feuerwehrmann noch Polizist ist.
Die Zahl der Seelen, die sich auf diese Weise an uns gewandt haben, ist im Laufe der Jahre stetig gewachsen und hat in den letzten zehn Jahren sogar erheblich zugenommen. Ihre Bedürfnisse zu ignorieren und sie im Stich zu lassen, würde bedeuten, sie zu verraten und damit auch die Kirche selbst zu verraten; denn noch einmal: Die Kirche existiert für die Seelen und nicht, um eitle und fruchtlose Diskussionen zu nähren.
Diese Nächstenliebe ist eine Pflicht, die alle anderen überragt. Das Recht der Kirche selbst sieht dies so vor. Im Geist des Kirchenrechts, das der juristische Ausdruck dieser Nächstenliebe ist, steht das Wohl der Seelen über allem. Es stellt wahrhaft das Gesetz der Gesetze dar, dem alle anderen untergeordnet sind und dem keine kirchliche Gesetzgebung entgegenstehen kann. Das Axiom suprema lex, salus animarum – das oberste Gesetz ist das Heil der Seelen – ist eine klassische Maxime der kanonischen Tradition, die ausdrücklich im letzten Kanon des Kodex von 1983 aufgegriffen wird. Im gegenwärtigen Notstand hängt von diesem übergeordneten Grundsatz letztlich die gesamte Rechtmäßigkeit unseres Apostolates und unserer Sendung gegenüber den Seelen ab, die sich an uns wenden. Für uns handelt es sich um eine stellvertretende Rolle im Namen eben dieser Nächstenliebe.
FSSPX. Aktuell: Sind Sie sich bewusst, dass die Erwägung von Bischofsweihen die Gläubigen, die sich an die Bruderschaft wenden, vor ein Dilemma stellen könnte: entweder die Wahl der integralen Tradition mit allem, was sie bedeutet, oder die „volle“ Gemeinschaft mit der Hierarchie der Kirche?
Dieses Dilemma ist in Wirklichkeit nur scheinbar. Es ist offensichtlich, dass ein Katholik zugleich die integrale Tradition und die Gemeinschaft mit der Hierarchie bewahren muss. Er kann nicht zwischen diesen beiden Gütern wählen, die beide notwendig sind.
Allzu oft wird jedoch vergessen, dass die Gemeinschaft wesentlich auf dem katholischen Glauben gründet, mit allem, was dies einschließt: angefangen bei einem wirklichen sakramentalen Leben und der Ausübung einer Leitungsgewalt, die denselben Glauben verkündet und zu seiner Verwirklichung anhält, indem sie ihre Autorität nicht willkürlich, sondern wirklich im Hinblick auf das geistliche Wohl der ihr anvertrauten Seelen ausübt.
Gerade um diese Grundlagen, diese für das Bestehen der Gemeinschaft in der Kirche notwendigen Bedingungen zu gewährleisten, kann die Bruderschaft nicht akzeptieren, was dieser Gemeinschaft entgegensteht und sie verfälscht, selbst wenn dies – paradoxerweise – von jenen ausgeht, die in der Kirche die Autorität ausüben.
FSSPX. Aktuell: Können Sie ein konkretes Beispiel dessen nennen, was die Bruderschaft nicht akzeptieren kann?
Das erste Beispiel, das mir in den Sinn kommt, stammt aus dem Jahr 2019, als Papst Franziskus anlässlich seines Besuches auf der Arabischen Halbinsel gemeinsam mit einem Imam die bekannte Erklärung von Abu Dhabi unterzeichnete. Darin erklärte er zusammen mit dem muslimischen Würdenträger, die Vielfalt der Religionen sei als solche von der göttlichen Weisheit gewollt.
Es ist offensichtlich, dass eine Gemeinschaft, die sich auf die Annahme einer solchen Aussage gründen oder sie einschließen würde, schlichtweg nicht katholisch wäre, denn sie würde eine Sünde gegen das erste Gebot und die Leugnung des ersten Artikels des Glaubensbekenntnisses beinhalten. Ich halte eine solche Aussage für mehr als einen bloßen Irrtum. Sie ist schlicht unvorstellbar. Sie kann nicht das Fundament einer katholischen Gemeinschaft sein, sondern vielmehr die Ursache für deren Auflösung. Ich denke, ein Katholik sollte eher das Martyrium vorziehen, als eine solche Aussage zu akzeptieren.
FSSPX. Aktuell: Weltweit nimmt das Bewusstsein für die von der Bruderschaft seit Langem angeprangerten Irrtümer zu, insbesondere im Internet. Wäre es nicht angebracht, dieses Wirken im Vertrauen auf die Vorsehung sich entfalten zu lassen, anstatt durch einen starken öffentlichen Akt wie Bischofsweihen einzugreifen?
Dieses Wirken ist sicherlich positiv, und man kann sich darüber nur freuen. Es veranschaulicht zweifellos die Berechtigung dessen, was die Bruderschaft verteidigt, und es ist angezeigt, diese Verbreitung der Wahrheit mit allen verfügbaren Mitteln zu fördern. Gleichwohl ist es ein Wirken mit Grenzen, denn der Glaubenskampf kann sich nicht auf Diskussionen und Stellungnahmen beschränken oder in ihnen erschöpfen, deren Schauplatz das Internet oder die sozialen Netzwerke sind.
Die Heiligung einer Seele hängt gewiss vom Bekenntnis des authentischen Glaubens ab, dieses muss jedoch in ein wirklich christliches Leben münden. Am Sonntag brauchen die Seelen keine Internetplattform. Sie brauchen einen Priester, der ihnen die Beichte abnimmt und sie unterweist, der für sie die heilige Messe feiert, der sie wahrhaft heiligt und zu Gott führt. Die Seelen brauchen Priester. Und um Priester zu haben, braucht es Bischöfe. Keine „Influencer“. Anders gesagt: Man muss zur Wirklichkeit zurückkehren, das heißt zur Wirklichkeit der Seelen und ihrer konkreten objektiven Not. Die Bischofsweihen haben keinen anderen Zweck: für die an der Tradition festhaltenden Gläubigen die Spendung des Sakramentes der Firmung, der Weihe und alles dessen, was daraus folgt, zu gewährleisten.
FSSPX. Aktuell: Besteht nicht die Gefahr, dass die Bruderschaft trotz guter Absichten in gewisser Weise dazu kommt, sich selbst mit der Kirche gleichzusetzen oder sich eine unersetzliche Rolle zuzuschreiben?
In keiner Weise beansprucht die Bruderschaft, sich an die Stelle der Kirche zu setzen oder ihre Sendung zu übernehmen; vielmehr bewahrt sie das tiefe Bewusstsein, nur zu bestehen, um der Kirche zu dienen. Dabei stützt sie sich ausschließlich auf das, was die Kirche selbst immer und überall gelehrt, geglaubt und getan hat.
Die Bruderschaft ist sich ebenso zutiefst bewusst, dass nicht sie es ist, die die Kirche rettet, denn allein unser Herr bewahrt und rettet seine Braut – Er, der niemals aufhört, über sie zu wachen.
Die Bruderschaft ist schlicht und einfach – unter Umständen, die sie nicht selbst gewählt hat – ein bevorzugtes Mittel, der Kirche treu zu bleiben. Aufmerksam gegenüber der Sendung ihrer Mutter, die während zwanzig Jahrhunderten ihre Kinder durch die Lehre und die Sakramente genährt hat, widmet sich die Bruderschaft kindlich der Bewahrung und Verteidigung der integralen Tradition, indem sie die Mittel ergreift für eine unvergleichliche Freiheit, um diesem Erbe treu zu bleiben. Nach dem Wort von Erzbischof Lefebvre ist die Bruderschaft lediglich ein Werk „der katholischen Kirche, die weiterhin die Lehre überliefert“; ihre Rolle ist die eines „Briefträgers, der einen Brief überbringt“. Und sie wünscht nichts mehr, als alle katholischen Hirten vereint in der Erfüllung dieser Pflicht zu sehen.
FSSPX. Aktuell: Kommen wir auf den Papst zurück. Halten Sie es für realistisch, dass der Heilige Vater akzeptieren oder zumindest dulden könnte, dass die Bruderschaft Bischöfe ohne päpstliches Mandat weiht?
Ein Papst ist vor allem ein Vater. Als solcher ist er fähig, eine aufrechte Absicht, einen ehrlichen Willen, der Kirche zu dienen, und vor allem einen echten Gewissenskonflikt in einer außergewöhnlichen Situation zu erkennen. Diese Elemente sind objektiv, und alle, die die Bruderschaft kennen, können dies anerkennen, selbst ohne notwendigerweise ihre Positionen zu teilen.
FSSPX. Aktuell: Das ist in der Theorie verständlich. Glauben Sie aber, dass Rom konkret eine solche Entscheidung der Bruderschaft dulden könnte?
Die Zukunft liegt in den Händen des Heiligen Vaters und selbstverständlich der Vorsehung. Dennoch ist anzuerkennen, dass der Heilige Stuhl mitunter zu einem gewissen Pragmatismus, ja sogar zu einer überraschenden Flexibilität fähig ist, wenn er überzeugt ist, zum Wohl der Seelen zu handeln.
Man nehme den sehr aktuellen Fall der Beziehungen zur chinesischen Regierung. Trotz eines wirklichen Schismas der chinesischen patriotischen Kirche; trotz einer ununterbrochenen Verfolgung der sogenannten Untergrundkirche, die Rom treu geblieben ist; trotz regelmäßig erneuerter und vom chinesischen Staat gebrochener Abkommen – im Jahr 2023 hat Papst Franziskus nachträglich die Ernennung des Bischofs von Shanghai durch die chinesischen Behörden gebilligt. In jüngerer Zeit hat auch Papst Leo XIV. nachträglich die Ernennung des Bischofs von Xinxiang akzeptiert, der während der Vakanz des Apostolischen Stuhles in gleicher Weise ernannt worden war, obwohl der Rom treu gebliebene Bischof, der mehrfach inhaftiert worden war, noch im Amt war. In beiden Fällen handelt es sich offenkundig um regierungsfreundliche Prälaten, die von Peking einseitig eingesetzt wurden, um die katholische Kirche in China zu kontrollieren. Man beachte, dass es sich hierbei nicht um bloße Weihbischöfe handelt, sondern um Ortsbischöfe, das heißt um ordentliche Hirten ihrer jeweiligen Diözese (oder Präfektur) mit Jurisdiktion über die örtlichen Priester und Gläubigen. In Rom weiß man sehr genau, zu welchem Zweck diese Hirten ausgewählt und einseitig eingesetzt worden sind.
„Die Priesterbruderschaft St. Pius X. erstrebt nichts anderes als dies: das Wohl der Seelen und das des Priestertums, das auf ihre Heiligung hingeordnet ist.“
Der Fall der Bruderschaft ist grundverschieden: Es geht für uns keineswegs darum, eine kommunistische oder antichristliche Macht zu begünstigen, sondern einzig darum, in einer Zeit allgemeiner Krise und Verwirrung die Rechte des Christkönigs und die Tradition der Kirche zu bewahren, die schwer beeinträchtigt sind. Die Absichten und Zielsetzungen sind offensichtlich nicht dieselben. Der Papst weiß das. Zudem weiß der Heilige Vater sehr wohl, dass die Bruderschaft in keiner Weise beabsichtigt, ihren Bischöfen irgendeine Jurisdiktion zu verleihen, was der Errichtung einer Parallelkirche gleichkäme.
Ehrlich gesagt sehe ich nicht, wie der Papst von Seiten der Bruderschaft eine größere Gefahr für die Seelen befürchten könnte als von Seiten der Regierung von Peking.
FSSPX. Aktuell: Halten Sie es für möglich, dass hinsichtlich der traditionellen Messe die Notwendigkeit für die Seelen heute ebenso schwerwiegend ist wie 1988? Nach dem bekannten Auf und Ab des Ritus des heiligen Papstes Pius V. – seiner Freigabe durch Benedikt XVI. im Jahr 2007 und den von Franziskus im Jahr 2021 verhängten Einschränkungen – in welche Richtung geht es mit dem neuen Papst?
Soweit mir bekannt ist, hat Papst Leo XIV. in dieser Frage eine gewisse Zurückhaltung bewahrt, die in der konservativen Welt große Erwartungen geweckt hat. Vor Kurzem jedoch wurde ein Text von Kardinal Roche zur Liturgie veröffentlicht, der ursprünglich für die Kardinäle bestimmt war, die am Konsistorium des vergangenen Monats teilgenommen haben. Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass dieser Text in seinen Grundlinien der vom Papst gewünschten Ausrichtung entspricht. Es handelt sich um einen sehr klaren und vor allem logischen und kohärenten Text. Leider stützt er sich auf eine falsche Prämisse.
Konkret verurteilt dieser Text in vollkommener Kontinuität mit Traditionis custodes das liturgische Projekt von Papst Benedikt XVI. Nach dessen Auffassung sollten der alte und der neue Ritus zwei ungefähr gleichwertige Formen sein, die jedenfalls denselben Glauben und dieselbe Ekklesiologie zum Ausdruck bringen und sich folglich gegenseitig bereichern könnten. Um die Einheit der Kirche besorgt, lag es Benedikt XVI. daher am Herzen, das Nebeneinanderbestehen beider Riten zu fördern, und er veröffentlichte 2007 Summorum Pontificum. Für viele erwies sich dies providentiell als eine Wiederentdeckung der Messe aller Zeiten; auf längere Sicht jedoch rief es auch eine Bewegung hervor, die den neuen Ritus in Frage stellte – eine Bewegung, die als problematisch erachtet wurde und die Traditionis custodes im Jahr 2021 einzudämmen suchte.
Papst Franziskus treu verbunden, tritt Kardinal Roche seinerseits für die Einheit der Kirche ein, jedoch nach einer Vorstellung und mit Mitteln, die denen Benedikts XVI. diametral entgegengesetzt sind: Während er an der Behauptung einer Kontinuität von einem Ritus zum anderen durch die Reform festhält, lehnt er deren Koexistenz entschieden ab. Er sieht darin eine Quelle der Spaltung, eine Bedrohung für die Einheit, die durch eine Rückkehr zu einer authentischen liturgischen Gemeinschaft überwunden werden müsse: „Das vorrangige Gut der Einheit der Kirche wird nicht durch das Einfrieren von Spaltungen erreicht, sondern indem wir uns im Teilen dessen wiederfinden, was nur geteilt werden kann.“ In der Kirche, so fügt er hinzu, „soll es nur einen einzigen Ritus geben“, in voller Übereinstimmung mit dem wahren Sinn der Tradition.
Dies ist ein gerechter und kohärenter Grundsatz, denn da die Kirche nur einen Glauben und nur eine Ekklesiologie besitzt, kann sie auch nur eine Liturgie haben, die diese angemessen zum Ausdruck bringt… Doch es ist ein falsch angewandter Grundsatz. Denn in Übereinstimmung mit der neuen nachkonziliaren Ekklesiologie begreift Kardinal Roche die Tradition als etwas Evolutives und den neuen Ritus als ihre einzige lebendige Ausdrucksform für unsere Zeit. Der Wert des tridentinischen Ritus kann daher nur als überholt angesehen werden, und seine Verwendung ist höchstens ein „Zugeständnis“, „keineswegs eine Förderung“.
Dass es also eine „Spaltung“ und eine gegenwärtige Unvereinbarkeit zwischen den beiden Riten gibt, das wird damit immer deutlicher. Doch man täusche sich nicht: Die einzige Liturgie, welche die traditionelle Auffassung von Kirche, christlichem Leben und katholischem Priestertum in angemessener, unveränderlicher und nicht evolutiver Weise zum Ausdruck bringt, ist die Liturgie aller Zeiten. In diesem Punkt erscheint der Widerstand des Heiligen Stuhles mehr denn je endgültig.
FSSPX. Aktuell: Kardinal Roche räumt immerhin ein, dass es bei der Umsetzung der Liturgiereform noch gewisse Probleme gibt. Glauben Sie, dass dies zu einem Bewusstsein für die Grenzen dieser Reform führen könnte?
Es ist bemerkenswert, dass man nach sechzig Jahren noch immer eine wirkliche Schwierigkeit bei der Umsetzung der Liturgiereform eingesteht, deren Reichtum es erst noch zu entdecken gelte. Dies ist ein Refrain, den man seit jeher hört, sobald dieses Thema zur Sprache kommt, und den auch der Text von Kardinal Roche nicht ausspart. Doch anstatt sich ehrlich über die inneren Mängel der neuen Messe und damit über das generelle Scheitern dieser Reform Gedanken zu machen; anstatt der Tatsache ins Auge zu sehen, dass sich die Kirchen leeren und die Berufungen zurückgehen; anstatt sich zu fragen, warum der tridentinische Ritus weiterhin so viele Seelen anzieht, sieht Kardinal Roche als einzige Lösung lediglich eine dringende vorherige Ausbildung der Gläubigen und der Seminaristen.
Ohne es zu bemerken, gerät er damit in einen Teufelskreis: Denn die Liturgie selbst ist dazu bestimmt, die Seelen zu formen. Fast zwei Jahrtausende lang sind die Seelen, oft Analphabeten, durch die Liturgie selbst erbaut und geheiligt worden, ohne dass es irgendeiner vorherigen Ausbildung bedurft hätte. Die intrinsische Unfähigkeit des Novus Ordo, die Seelen zu erbauen, nicht anzuerkennen und stattdessen eine noch bessere Ausbildung zu fordern, erscheint mir als Zeichen einer unheilbaren Blindheit. So gelangt man zu erschütternden Paradoxien: Die Reform wurde gewollt, um die Teilnahme der Gläubigen zu fördern, nun aber haben diese die Kirche in Scharen verlassen, weil diese fade Liturgie sie nicht zu nähren vermochte. Und das soll nichts mit der Reform selbst zu tun haben!
FSSPX. Aktuell: Heute profitieren in vielen Ländern Gruppen außerhalb der Bruderschaft weiterhin vom Gebrauch des Messbuches von 1962. Solche Möglichkeiten bestanden 1988 kaum. Wäre dies nicht vorerst eine ausreichende Alternative, die neue Bischofsweihen verfrüht erscheinen ließe?
Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Entsprechen diese Möglichkeiten dem, was die Kirche und die Seelen brauchen? Sind sie eine ausreichende Antwort auf die Not der Seelen?
Es ist unbestreitbar, dass überall dort, wo die traditionelle Messe gefeiert wird, der wahre Ritus der Kirche ausstrahlt – mit jenem tiefen Sinn für das Sakrale, der im neuen Ritus nicht zu finden ist. Doch man kann von dem Rahmen, in dem diese Messfeiern stattfinden, nicht abstrahieren. Unabhängig vom guten Willen der einen oder der anderen scheint der Rahmen klar zu sein, insbesondere seit Traditionis custodes, bestätigt durch Kardinal Roche: Es handelt sich um den Rahmen einer Kirche, in der der einzige offizielle „normale“ Ritus derjenige Pauls VI. ist. Die Feier des Ritus aller Zeiten unterliegt folglich einer Ausnahmeregelung: Den Anhängern dieses Ritus werden aus reinem Wohlwollen Ausnahmegenehmigungen gewährt, die ihnen seine Feier erlauben. Diese fügen sich jedoch in eine Logik ein, die der neuen Ekklesiologie entspricht. Sie setzen daher voraus, dass die neue Liturgie weiterhin das Kriterium der Frömmigkeit der Gläubigen und der authentische Ausdruck des kirchlichen Lebens bleibt.
FSSPX. Aktuell: Warum sagen Sie, dass man von diesem Ausnahmerahmen nicht abstrahieren kann? Wird nicht dennoch Gutes gewirkt? Welche konkreten Folgen wären zu beklagen?
Aus dieser Situation ergeben sich mindestens drei unheilvolle Konsequenzen. Die unmittelbarste ist eine tiefe strukturelle Instabilität. Priester und Gläubige, denen durch gewisse Privilegien der Gebrauch der tridentinischen Liturgie erlaubt ist, leben in der Angst vor dem folgenden Tag: Ein Privileg ist kein Recht. Solange die Autorität sie duldet, können sie ihre religiöse Praxis ohne Behelligung ausüben. Sobald jedoch die Autorität bestimmte Anforderungen stellt, Bedingungen auferlegt oder aus dem einen oder anderen Grund plötzlich die erteilten Erlaubnisse widerruft, finden sich Priester und Gläubige in einer Konfliktsituation wieder, ohne irgendein Mittel, sich zu verteidigen, um wirksam die traditionellen Heilsmittel sicherzustellen, auf die die Seelen ein Recht haben. Wie lassen sich solche Gewissenskonflikte auf Dauer vermeiden, wenn von zwei unvereinbaren Auffassungen vom kirchlichen Leben, verkörpert in zwei unvereinbaren Liturgien, die eine volle Anerkennung genießt, während die andere lediglich geduldet wird?
Zweitens – und das ist zweifellos schwerwiegender – wird der eigentliche Grund für die Verbundenheit dieser Gruppen mit der tridentinischen Liturgie nicht mehr verstanden, was die öffentlichen Rechte der Tradition der Kirche und damit das Wohl der Seelen ernsthaft gefährdet. Wenn nämlich die Messe aller Zeiten akzeptieren kann, dass die moderne Messe in der ganzen Kirche gefeiert wird, und wenn sie für sich selbst lediglich ein besonderes Privileg beansprucht, das an eine Vorliebe oder an ein eigenes Charisma gebunden ist – wie soll man dann noch verstehen, dass die Messe aller Zeiten der neuen Messe unversöhnlich gegenübersteht, dass sie die einzige wahre Liturgie der ganzen Kirche bleibt und dass niemand daran gehindert werden darf, sie zu feiern? Wie kann man erkennen, dass die Messe Pauls VI. nicht angenommen werden kann, weil sie eine erhebliche Abweichung von der katholischen Theologie der heiligen Messe darstellt, und dass niemand gezwungen werden kann, sie zu feiern? Und wie sollen die Seelen wirksam von dieser vergifteten Liturgie weggeführt werden, um aus den reinen Quellen der katholischen Liturgie zu schöpfen?
„Die Bruderschaft ist schlicht und einfach – unter Umständen, die sie nicht gewählt hat – ein bevorzugtes Mittel, der Kirche treu zu bleiben.“
Schließlich ergibt sich als weitergehende Folge aus den beiden vorhergehenden die Notwendigkeit, eine fragile Stabilität nicht durch als störend empfundenes Verhalten zu gefährden, was viele Hirten zu einem erzwungenen Schweigen verurteilt, wenn sie eigentlich gegen diese oder jene skandalöse Lehre aufstehen müssten, die Glauben oder Moral verdirbt. Die notwendige Anprangerung der die Kirche zerstörenden Irrtümer – sie ist zum Wohl der von dieser vergifteten Nahrung bedrohten Seelen geboten – wird so gelähmt. Man klärt den einen oder anderen im Privaten auf, sofern man die Schädlichkeit dieses oder jenes Irrtums überhaupt noch zu erkennen vermag, doch es bleibt ein zaghaftes Flüstern, in dem die Wahrheit kaum noch mit der erforderlichen Freiheit zum Ausdruck kommt – vor allem, wenn es den Kampf gegen Prinzipien geht, die man stillschweigend akzeptiert hat. Auch hier sind es wieder die Seelen, die nicht mehr erleuchtet werden und denen das Brot der Lehre entzogen wird, nach dem sie doch hungern. Mit der Zeit verändert dies allmählich die Mentalität und führt nach und nach zur allgemeinen und unbewussten Annahme der verschiedenen Reformen, die das kirchliche Leben betreffen. Auch gegenüber diesen Seelen empfindet die Bruderschaft die Verantwortung, sie zu erleuchten und nicht im Stich zu lassen.
Es geht nicht darum, jemandem Vorwürfe zu machen oder über irgendwen zu urteilen, sondern darum, die Augen zu öffnen und die Tatsachen festzustellen. Nun aber müssen wir anerkennen, dass die Gruppen, die in den Genuss der traditionellen Liturgie kommen, keine angemessene Antwort auf die tiefgreifenden Nöte der Kirche und der Seelen darstellen können, solange deren Gebrauch an die zumindest implizite Akzeptanz der Konzilsreformen gebunden bleibt. Umgekehrt muss man – um einen bereits geäußerten Gedanken aufzugreifen – den Katholiken unserer Zeit eine Wahrheit ohne Abstriche anbieten können, dargeboten ohne Vorbehalte und mit den Mitteln, sie vollständig zu leben, zum Heil der Seelen und zum Dienst an der ganzen Kirche.
FSSPX. Aktuell: Glauben Sie dennoch, dass Rom sich in Zukunft gegenüber der traditionellen Messe großzügiger zeigen könnte?
Es ist nicht ausgeschlossen, dass Rom in Zukunft eine offenere Haltung einnehmen könnte, wie dies bereits 1988 unter ähnlichen Umständen geschah, als das alte Messbuch bestimmten Gruppen gewährt wurde, um die Gläubigen von der Bruderschaft abzuziehen. Sollte dies erneut geschehen, wäre es sehr politisch und sehr wenig der Lehre entsprechend: Das tridentinische Messbuch ist ausschließlich dazu bestimmt, die göttliche Majestät anzubeten und den Glauben zu nähren; es darf nicht als Instrument pastoraler Feinjustierung oder als Ventil zur Beschwichtigung instrumentalisiert werden.
Doch ein größeres oder geringeres Entgegenkommen würde nichts an der Schädlichkeit des oben beschriebenen Rahmens ändern und somit die Situation nicht wesentlich verändern.
Darüber hinaus ist das Szenario in Wirklichkeit komplexer: In Rom haben Papst Franziskus und Kardinal Roche sehr wohl erkannt, dass eine Ausweitung des Gebrauchs des Messbuches des heiligen Pius V. zwangsläufig eine Infragestellung der Liturgiereform und des Konzils auslöst, und zwar in einem unerquicklichen und vor allem unkontrollierbaren Ausmaß. Es ist daher schwer vorherzusehen, was geschehen wird, doch die Gefahr einer Verstrickung in Logiken, die eher politisch als lehrmäßig sind, ist real.
FSSPX. Aktuell: Was möchten Sie den Gläubigen und den Mitgliedern der Bruderschaft besonders sagen?
Ich möchte ihnen sagen, dass die gegenwärtige Stunde vor allem eine Zeit des Gebetes ist, der Vorbereitung der Herzen, der Seelen und auch der Geister, um uns der Gnade zu öffnen, die diese Weihen für die ganze Kirche darstellen. Dies alles in Sammlung, in Frieden und im Vertrauen auf die Vorsehung, die die Bruderschaft niemals verlassen hat und sie auch jetzt nicht verlassen wird.
FSSPX. Aktuell: Hoffen Sie weiterhin, dem Papst begegnen zu können?
Ja, gewiss. Es erscheint mir äußerst wichtig, mich mit dem Heiligen Vater unterhalten zu können, und es gibt vieles, was ich ihm gern mitteilen würde, ihm aber nicht schreiben konnte. Leider sieht die von Kardinal Fernández erhaltene Antwort keine Audienz beim Papst vor. Stattdessen stellt sie die Androhung neuer Sanktionen in den Raum.
FSSPX. Aktuell: Was wird die Bruderschaft tun, wenn der Heilige Stuhl beschließt, sie zu verurteilen?
Zunächst sei daran erinnert, dass etwaige kanonische Strafen unter solchen Umständen keinerlei reale Wirkung hätten.
Sollten sie dennoch verhängt werden, ist es gewiss, dass die Bruderschaft dieses neue Leiden ohne Bitterkeit annehmen würde, wie sie die vergangenen Leiden angenommen hat, und es aufrichtig für das Wohl der Kirche aufopfern würde. Die Bruderschaft arbeitet für die Kirche. Und sie zweifelt nicht daran, dass eine solche Situation, sollte sie eintreten, nur vorübergehend sein kann; denn die Kirche ist göttlich und unser Herr verlässt sie nicht.
Die Bruderschaft wird daher weiterhin nach Kräften in Treue zur katholischen Tradition wirken und der Kirche demütig dienen, indem sie auf die Not der Seelen antwortet. Und sie wird weiterhin kindlich für den Papst beten, wie sie es immer getan hat – in der Erwartung, eines Tages von diesen möglichen ungerechten Sanktionen befreit zu werden, wie dies 2009 der Fall war. Wir sind überzeugt, dass die römischen Autoritäten eines Tages dankbar anerkennen werden, dass diese Bischofsweihen providentiell dazu beigetragen haben werden, den Glauben zu bewahren, zur größeren Ehre Gottes und zum Heil der Seelen.
Interview, gegeben in Flavigny-sur-Ozerain am 2. Februar 2026, dem Fest Mariä Lichtmess
Quelle: FSSPX / FSSPX. AKTUELL
