13.06.2019 – Donnerstag der 10. Woche im Jahreskreis

Johannes Cassianus (360-435) Klostergründer in Marseille

„Geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder“ (Mt 5,24)

Der Herr befiehlt im Evangelium, die Gabe vor dem Altar liegen zu lassen und sich mit seinem Bruder zu versöhnen (vgl. Mt 5,23–24). Ansonsten, wenn wir dem Zorn und der Rachsucht ausgeliefert sind, kann die Gabe unmöglich angenommen werden. Andererseits sagt der Apostel, dass man ohne Unterlass beten (vgl. 1 Thess 5,17) und überall die Hände rein erheben soll, ohne Zorn und böse Gedanken (vgl. 1 Tim 2,8); das ist eine Lektion für uns. Wir haben also keine andere Wahl als entweder gar nicht zu beten – da würden wir aber gegen die Anordnung des Apostels verstoßen – oder dieser Anordnung eiligst nachzukommen und sie dann ohne Zorn und Groll umzusetzen. Es kommt oft vor, dass wir Brüder verachten, die bekümmert und verstört sind und sagen, dass wir an ihrer Trostlosigkeit nicht schuld sind. Deshalb befiehlt uns der Arzt der Seelen, der die seelischen Vorwände mit der Wurzel aus unserem Herzen herausreißen will, die Opfergabe liegen zu lassen und uns nicht nur zu versöhnen, wenn wir uns über den Bruder ärgern, sondern auch, wenn er selbst sich, zu Recht oder zu Unrecht, über uns ärgert. Dies muss zuerst durch eine Entschuldigung behoben werden und dann muss die Opfergabe dargebracht werden. Aber warum sollten wir länger bei den Geboten des Evangeliums verweilen, wenn sogar das Alte Testament, das weniger streng zu sein scheint, dies lehrt, wenn es sagt: „Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen“ (Lev 19,17) und noch einmal: „Die Wege desjenigen, der Groll hegt, führen zum Tod“ (vgl. Koh 12,28 LXX). Das Gesetz untersagt hier nicht nur die Tat, sondern auch den Gedanken. Deshalb müssen diejenigen, die den göttlichen Gesetzen folgen, mit ganzer Kraft gegen den Geist des Zornes und gegen die Krankheit, die in uns wirkt, ankämpfen. […] Der größte Teil unseres Fortschritts und unseres Friedens kann nicht aus der Geduld unseres Nächsten uns gegenüber kommen, sondern aus unserer eigenen Langmut gegenüber dem Nächsten.

Quelle: CFM.SCJ Archiv Alexandria

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